Erich-Mühsam-Gesellschaft e.V.
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  Kleine Auswahl von Gedichten und Texten Erich Mühsams

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(Wird laufend ergänzt.)
© Erich Mühsam Gesellschaft Lübeck


Rebellenlied
Rendezvous
Seenot
Soldatenlied
Streit und Kampf
Testament
Trutzlied
Trostspruch
Vermächtnis
Vision
Vom Wirken des Künstlers
Was ist der Mensch?
Weihnachten
Wiegenlied
Zuversicht

Rendezvous



Ich bin verdammt zu warten
in einem Bürgergarten
auf das geliebte Weib.
Nun sitz ich hier als Beute
gewissenloser Leute
mit breitem Unterleib.
Sie sind so froh beim Biere,
bald zwei, bald drei, bald viere ­
und reden vom Geschäft.
Die Gattin spricht vom Hause,
die Töchter trinken Brause,
und Flock, das Hündchen, kläfft.
Die Kellnerinnen schwirren.
Die Tischgeschirre klirren.
Der Himmel scheint so blau.
Wie süß ist's doch, zu warten
in einem Bürgergarten
auf die geliebte Frau.
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Weihnachten



Nun ist das Fest der Weihenacht,
das Fest, das alle glücklich macht,
wo sich mit reichen Festgeschenken
Mann, Weib und Greis und Kind bedenken,
wo aller Hader wird vergessen
beim Christbaum und beim Karpfenessen; ­­
und groß und klein und arm und reich ­­
an diesem Tag ist alles gleich.
So steht's in vielerlei Varianten
in deutschen Blättern. Alten Tanten
und Wickelkindern rollt die Zähre
ins Taschentuch ob dieser Märe.
Papa liest's der Familie vor,
und alle lauschen und sind Ohr...
Ich sah, wie so ein Zeitungsblatt
ein armer Kerl gelesen hat.
Er hob es auf aus einer Pfütze,
daß es ihm hinterm Zaune nütze.
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Was ist der Mensch?



Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme,
ein kleines Hirn und ein großer Mund,
und eine Seele ­daß Gott erbarme! ­
Was muß der Mensch? Muß schlafen und denken,
muß essen und feilschen und Karren lenken,
muß wuchern mit seinem halben Pfund.
Muß beten und lieben und fluchen und hassen,
muß hoffen und muß sein Glück verpassen ­
und leiden wie ein geschundner Hund.
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Trostspruch



Das Schicksal kann den Körper prügeln,
kann mit Kandare, Sporen, Bügeln
den Fuß, die Hand, die Stimme zügeln. ­
Der Geist steigt auf mit freien Flügeln
und lacht ins Tal von Wolkenhügeln.
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Testament



Nein, ich will nicht eher zu Grabe,
eh ich nicht auch die letzten Sprossen
irdischen Glückes erstiegen habe,
eh ich das Leben nicht ganz genossen;

eh ich nicht alle Frauen umschlungen,
die mich durch meine Träume begleiten,
eh ich nicht alle Lieder gesungen,
die sich in meinem Herzen bereiten;

eh ich nicht alle Werke gestaltet,
die sich dem schaffenden Geist entbinden,
eh ich der Führerpflicht nicht gewaltet,
daß die Menschen ihr Wegziel finden;

eh ich nicht fröhliche Augen sehe,
die von Erhebung und Stolz verjüngt sind,
eh ich nicht über Äcker gehe,
die statt mit Tränen mit Freude gedüngt sind.

Nimmt der Erlöser dann und Vernichter
von meinen Tagen die lastenden Ketten,
sollt ihr den seligsten Menschen und Dichter
tief in befreites Erdreich betten.
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Wiegenlied



Still, mein armes Söhnchen, sei still.
Weine mich nicht um mein bißchen Verstand.
Weißt ja noch nichts vom Vaterland,
daß es dein Leben einst haben will.
Sollst fürs Vaterland stechen und schießen,
sollst dein Blut in den Acker gießen,
wenn es der Kaiser befiehlt und will. ­
Still, mein Söhnchen, sei still!

Trink, mein Söhnchen, von meiner Brust.
Trink, dann wirst du ein starker Held,
ziehst mit den andern hinaus ins Feld.
Vater hat auch hinaus gemußt.
Vater ward wider Willen und Hoffen
von einer Kugel ins Herz getroffen.
Aus ist nun seine und meine Lust. ­
Trink von der Mutter Brust!

Freu dich, goldiges Söhnchen, und lach.
Bist du ein Mann einst, kräftig und groß,
wirst du das Lachen von selber los.
Fröhlich bleibt nur, wer krank ist und schwach.
Vater war lustig. Ich hab ihn verloren,
hab dann dich unter Schmerzen geboren ­
hörst drum ewig mein bitteres Ach!
Freu dich, Söhnchen, und lach!

Schlaf, mein süßes Söhnchen, o schlaf.
Weißt ja noch nichts von Unheil und Not,
weißt nichts von Vaters Heldentod,
als ihn die bleierne Kugel traf.
Früh genug wird der Krieg und der Schrecken
dich zum ewigen Schlummer erwecken ...
Friede, behüt meines Kindes Schlaf ! ­
Schlaf, mein Söhnchen, o schlaf ...
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Soldatenlied



Wir lernten in der Schlacht zu stehn
bei Sturm und Höllenglut.
Wir lernten in den Tod zu gehn,
nicht achtend unser Blut.
Und wenn sich einst die Waffe kehrt
auf die, die uns den Kampf gelehrt,
sie werden uns nicht feige sehn.
Ihr Unterricht war gut.

Wir töten, wie man uns befahl,
mit Blei und Dynamit,
für Vaterland und Kapital,
für Kaiser und Profit.
Doch wenn erfüllt die Tage sind,
dann stehn wir auf für Weib und Kind
und kämpfen, bis durch Dunst und Qual
die lichte Sonne sieht.

Soldaten! Ruft's von Front zu Front:
Es ruhe das Gewehr!
Wer für die Reichen bluten konnt,
kann für die Seinen mehr.
Ihr drüben! Auf zur gleichen Pflicht!
Vergeßt den Freund im Feinde nicht!
In Flammen ruft der Horizont
nach Hause jedes Heer.

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
daß ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
in rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
und alle Welt ist Vaterland,
und alle Welt ist frei!
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Vision



Vor dem Rot des Tags, der Abschied nimmt,
wälzt sich wollig wolkig grauer Rauch,
welcher eines nahen Schlotes Bauch
schwer entklimmt.

Und der Rauch formt vor dem roten Schein
weiche Arabesken und Figuren.
Wunderlich zerfließen die Konturen
querluftein.
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Streit und Kampf



Nicht nötig ist's, nach Schritt und Takt
gehorsam vorwärts zu marschieren.
Doch wenn der Hahn der Flinte knackt,
dann miteinander zugepackt
und nicht den Nebenmann verlieren!

Schlagt zwanzig Freiheitstheorien
euch gegenseitig um die Ohren
und singt nach hundert Melodien ­
doch gilt es in den Kampf zu ziehen,
dann sei der gleiche Eid geschworen!

Aktionsprogramm, Parteistatut,
Richtlinien und Verhaltungslehren ­
schöpft nur aus allen Quellen Mut!
Ein jedes Kampfsystem ist gut,
das nicht versagt vor den Gewehren!

Darum solang kein Feind euch droht,
verschont einander nicht mit Glossen.
Doch weckt euch einst der Ruf der Not,
dann weh das einige Banner rot
voran den einigen Genossen!
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Rebellenlied



Sie hatten uns mit Zwang und Lügen
in ihre Stöcke eingeschraubt.
Sie hatten gnädig uns erlaubt,
in ihrem Joch ihr Land zu pflügen.
Sie saßen da in Prunk und Pracht
mit vollgestopftem Magen
und zwangen uns, für ihre Macht
einander totzuschlagen.
Doch wir, noch stolz auf unsere Fesseln,
verbeugten uns vor ihren Sesseln.

Sie kochten ihre Larvenschminke
aus unserm Blut und unserm Schweiß.
Sie traten uns vor Bauch und Steiß,
und wir gehorchten ihrem Winke.
Sie fühlten sich unendlich wohl,
sie schreckte kein Gewitter.
Jedoch ihr Postament war hohl,
ihr Kronenschmuck war Flitter.
Wir haben nur die Faust erhoben,
da ist der ganze Spuk zerstoben.

Es rasseln zwanzig Fürstenkronen.
Die erste Arbeit ist geschafft.
Doch, Kameraden, nicht erschlafft,
soll unser Werk die Mühe lohnen!
Noch füllen wir den Pfeffersack,
auf ihr Geheiß, den Reichen;
noch drückt das Unternehmerpack
den Sporn uns in die Weichen.
Noch darf die Welt uns Sklaven heißen ­
noch gibt es Ketten zu zerreißen.

Vier Jahre hat die Welt der Knechte
ihr Blut verspritzt fürs Kapital.
Jetzt steht sie auf, zum erstenmal
für eigne Freiheit, eigne Rechte.
Germane, Römer, Jud und Ruß
in einem Bund zusammen ­
der Völker brüderlicher Kuß
löscht alle Kriegesflammen.
Jetzt gilt's die Freiheit aufzustellen. ­
Die rote Fahne hoch, Rebellen!
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Trutzlied



Nennt uns nur höhnisch Weltbeglücker,
weil wir das Joch der Unterdrücker
nicht länger dulden und die Schmach.
Lacht nur der neuen Ideale,
leert auf die alten die Pokale ­
Wir geben nicht nach!

Legt nur die Stirn in ernste Falten,
schreckt auf im Bette ungehalten
und scheuert euch die Augen wach.
Flucht auf die unerwünschte Störung,
reißt 's Fenster auf und schreit: Empörung!
Wir geben nicht nach!

Setzt euch nur auf die Geldkassette,
daß Gott die arme Seele rette
aus Not, Gefahr und Ungemach ­
und ruft nach euern guten Geistern,
nach Polizei und Kerkermeistern ­
Wir geben nicht nach!

Daß den Verrat der Teufel hole,
langt nur die Repetierpistole
samt den Patronen aus dem Fach,
und schmückt den Hut mit der Kokarde
der geldsacktreuen weißen Garde ­
Wir geben nicht nach!

Laßt Volkes Blut in Strömen fließen,
laßt uns erhängen und erschießen,
setzt uns den roten Hahn aufs Dach.
Laßt Mörser und Haubitzen wüten,
um euer Diebesgut zu hüten ­
Wir geben nicht nach!

Laßt euer Höllenwerkzeug toben!
Die Sehnsucht selbst hat sich erhoben
des Volks, das seine Ketten brach.
Freiheit und Recht stehn auf der Schanze.
Sieg oder Tod ­ jetzt geht's ums Ganze! ­
Wir geben nicht nach!
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Zuversicht



Mag auch der Kerkerketten Bleigewicht
den Körper manchmal an den Boden zwingen ­
Genossen, Mut! Die stärkste Kette bricht
und mit ihr jede Not;-nur eine nicht:
die Mattigkeit geknickter Seelenschwingen.
Spürt ihr die Sonne durch die Nebel dringen?
Ihr Strahlenbohrer schweißt das Kerkertor.
Gebt acht ­ die Fesseln lockern sich, Genossen!
Dem Auge kommt das Blickfeld weiter vor;
entwöhntes Klingen rauscht vertraut ans Ohr.
Die Zukunft, von Vergangenem umflossen,
strafft unsre Seelenfittiche: Empor!
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Vermächtnis



Ihr Kameraden der Not,
hört mein Gebot!
Hört mein Vermächtnis!
Es kommt die Zeit, da das Feuer loht,
da die Welt sich befreit,
daß das Leben in lockenden Sprachen spricht.
Vergeßt eure Not, eure Leiden nicht!
Ich lehr euch: Gedächtnis!

Ihr Kameraden der Haft,
schont eure Kraft!
Bändigt die Sorgen!
Was Wut und Scham eurer Leidenschaft,
euerm Willensdrang nahm,
was Leids sich im Herzen euch häufen mag:
es wird alles gebraucht für den kommenden Tag.
Spart's auf für das Morgen!

Ihr Kameraden der Nacht,
steht auf der Wacht!
Lernt von den Bütteln!
Was Haß euch lehrt und mißbrauchte Macht,
sei gepflegt und vermehrt.
Ein Altar aus verwartetem Ekel und Groll,
von der Liebe entbehrten Küssen voll ­
wer will daran rütteln?!

Ihr Kameraden im Tod,
hört mein Gebot!
Mein letztes Vermächtnis!
Bald wird vielleicht uns das Henkerbrot
in den Kerker gereicht.
Dann segnet das Blut, das dem Leibe entrinnt!
Es fließt zur Jugend, die Rache sinnt ­
und lehrt sie: Gedächtnis!
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Vom Wirken des Künstlers


Ein Gespräch bei Königsberger Klops

Nichts bietet eine solidere Grundlage für streitbare Unterhaltungen als ein gut bereitetes Mittagessen. Die heterogensten Gedankengänge wachsen aus einem gemeinsamen Boden heraus, und die gleichzeitige Betätigung gern bewegter Muskeln balanciert wohlwollend die seelischen Emotionen der Streitenden.
Die Diskussion, die die folgenden Betrachtungen erweckte, fand bei Königsberger Klops statt. Schon bei der Suppe hatte mein Bruder, der ein wissenschaftlich ernst fundierter Arzt ist, ironisch bemerkt, daß ich in meiner übeln Gewohnheit zu dichten doch eigentlich eine recht verfehlte Lebenstendenz verfolge. Meine Schwägerin ist eine zu vortreffliche Wirtin, als daß nicht mein Vergnügen an den knusprigen Semmelbröckchen, die in der Suppe schwammen, den Verdruß über die lieblose Äußerung meines Bruders bei weitem überwogen hätte. So erklärte ich einfach, während ich mir die Reste der sämigen Brühe vom Schnurrbart wischte (Suppe essen ist für einen bärtigen Mann stets eine Tragödie), daß ich außer der geringen finanziellen Ausbeute nichts wüßte, was mich diese Gewohnheit als eine üble erkennen ließe, zumal ich Grund zu der Annahme hätte ­ hierbei schlug ich mir mit der Serviette vor die Brust ­, daß meine Produktion für die deutsche Literatur von beträchtlichem Wert sei.
Die Klöpse wurden aufgetragen. Diesem Umstande allein hat es mein Bruder zu danken, daß ich die höhnische Physiognomie, die er bei meinen stolzen Worten aufsetzte, nicht mit dem Vortrag eines meiner neuesten Gedichte beantwortete. Aber seine Miene nahm einen heitern und friedlichen Ausdruck an, als er sich drei dicke Klöpse auf den Teller geladen hatte und sie nun in der köstlichsten Kapernsauce baden ließ. Auch mir floß mit der Kapernsauce eine versöhnliche Stimmung über das Gemüt, und es gelang mir, ein freundliches Lächeln zu bewahren, als mein Bruder halb feierlich, wegen der Mission, die er mit seiner Rede erfüllte, halb schmunzelnd, wegen des bräunlichen Dufts, den die Königsberger Klöpse ausströmten, folgendes sagte: "Lieber Erich! Deine Gedichte in allen Ehren. Davon verstehe ich nichts. Aber ich bin überzeugt, daß Goethe gegen dich ein eitler Stümper war." (Ich schüttelte bescheiden den Kopf.) "Aber sag mir doch bloß einmal: was hat eure ganze Dichterei überhaupt für einen Wert? Wem nützt ihr damit? Wo helft ihr mit euern schönsten Versen der Menschheit einen kleinsten Schritt weiter? Ihr Künstler seid doch wahrhaftig die zwecklosesten Leute, die auf der weiten Welt herumlaufen!"
Ich hätte es jetzt, wenn ich ein gewandter Feuilletonist wäre, so furchtbar leicht, meinen Bruder abzuschlachten. Ich brauchte nur aus unserer Unterhaltung einen literarischen Dialog zu machen. In so einem Dialog redet der, der ihn nachher der Welt übermittelt, immer äußerst geistreiche Gedanken. Er fertigt den andern so schlagend ab, daß der sogleich seine Weltanschauung revidiert oder doch wenigstens sich in tiefen, beinah reumütigen Gedanken eine Zigarre anzündet. In der Wirklichkeit gibt es aber gar keine literarischen Dialoge, wo Tugend und Recht siegt. Im Gegenteil: da behält immer am Ende der recht, der unrecht hat, und der, der recht hat, kommt sich wie ein zerknirschtes Rindvieh vor. Das liegt daran, daß eine unrichtige Ansicht immer System hat, eine richtige nie. Was richtig ist, weiß man, und was man nicht weiß, begründet man. In diesem Falle hatte mein Bruder die Gründe, und daher bildet er sich noch heute ein, daß er recht hat.
Ich war aber überhaupt im Nachteil gegen ihn. Denn erstens ist er mit meiner Schwägerin verheiratet; daher konnte er sein Interesse zwischen dem Wirken des Künstlers und dem Königsberger Klops, der für ihn nichts Neues war, viel leichter teilen als ich, dessen Hingabe aufs heftigste von der Kapernsauce in Anspruch genommen war. Außerdem schmeichelte mir bis zur Kritiklosigkeit die raffinierte Formulierung seiner Betrachtung; denn mit dem "ihr" konnte er doch immer nur mich und Goethe meinen; und schließlich hatte er sich doch schon so lange mit dem Ärger gegen die Künstler zugunsten seiner Wissenschaftlichkeit getragen, daß er längst ein System konstruiert hatte, das nun auf mich herab explodierte.
Nein ­ nein! Kein literarischer Dialog soll mir zum Siege verhelfen. Ich will wahrhaft und getreulich berichten, wie ich und Goethe und alle Dichtung und alle Kunst bei Königsberger Klops zerschmettert und widerlegt wurde.
Meine Gabel zerquetschte gerade den fünften Fleischkloß, als ich mich zu der entrüsteten Erwiderung aufraffte: "Na hör mal, der Zweck einer Sache kann doch in ihr selbst liegen. So ist es bei der Poesie und bei jeder Kunst. Damit soll der Menschheit nicht genützt werden? ­ Ach, du lieber Himmel! Wo wäre die Menschheit, wenn es keine Künstler gäbe!"
Mein Bruder zerspießte eine Kartoffel, daß der Teller klirrte. "So?" rief er. "Meinst du, ohne Shakespeare und Goethe und dich und Beethoven und Böcklin und wie ihr alle heißt" ­ (ich war schon wieder halb ausgesöhnt) ­ "meinst du, ohne euch hätten wir kein Telefon und keine Zigarren und führen nicht im Automobil und im lenkbaren Luftballon?"
"Wann wärst du denn im Lenkballon gefahren?" ­ Ich war schon zufrieden, in meiner ausweichenden Antwort wenigstens eine brauchbare Übersetzung für "le dirigeable" gefunden zu haben.
Aber mein Bruder hatte offenbar keinen Sinn für die Sprachbereicherung. Er schimpfte: "Ei was! ­ Das ist doch kein Einwand! Die Wissenschaft schreitet mit riesigen Sätzen vorwärts. Täglich werden neue Verfahren entdeckt, um Krankheiten aus der Welt zu schaffen. Das nenne ich Wirken! Das heißt der Menschheit dienen und nützen! ­ Aber was wißt ihr davon? ­ Kennst du den Namen Wassermann?" ­ rief er plötzlich, wobei er triumphierend eine Kaper von der Gabel sog.
Endlich! dachte ich. Läßt er erst mal einen gelten, dann komme ich ihm überhaupt bei. Leider habe ich aber von Jakob Wassermann nicht alles gelesen und mußte befürchten, in meiner eigenen Arena geworfen zu werden. Schüchtern stammelte ich daher etwas von Renate Fuchs und einem nie geküßten Mund. Die Juden von Zorndorf wollte ich erst bei Gelegenheit lesen.
Mein Bruder legte die Gabel aus der Hand. Es war das erstemal während des Essens, so daß ich Schreckliches kommen sah. Dann meinte er gedehnt: "Wie? ­ Was? ­ Nie geküßte Juden? ­ Renate von Zorndorf? ­ Bist du rappelig? ­ Ach, du redest wohl von einem Dichter? ­"
Ich nickte.
"Mensch! Ich spreche vom Geheimrat Professor Dr. Wassermann, einem unserer berühmtesten Therapeutiker, der zuerst die Serumtherapie bei Lues angewandt hat. Von dem hast du nie etwas gehört?"
"Nein", sagte ich melancholisch, während ich mir einen Löffel Kapernsauce über den siebenten Klops träufelte.
"Da sieht man's", donnerte er. "Während die physiologische Wissenschaft die ungeheuersten Umwälzungen in allen sozialen, hygienischen und humanitären Verhältnissen herbeiführt, lauft ihr" (er meinte offenbar wieder Goethe, Shakespeare, Beethoven, Böcklin und mich) "lauft ihr an einen dreckigen Bach und laßt euch vom Mond zu euern kolossalen Schöpfungen inspirieren. Und habt ihr nachher glücklich sechs Leute gefunden, die sich das Zeug mit himmelnden Augen anhören, meint ihr, ihr wäret wer weiß was für Nummern! Redet von Kultur! Beweihräuchert euch gegenseitig, ich weiß nicht wie! ­ Sieh dir doch die Zeitungen an: über jeden obskuren Maler oder Dichter oder Musiker oder Schauspieler, der sechzig Jahre alt wird oder stirbt oder seit fünfundzwanzig Jahren die Welt mit seinem Genie beglückt, spaltenlange Lobarien; aber von Professor Wassermann hat kein Mensch eine Ahnung!"
Wir waren inzwischen beide dabei angelangt, daß wir die Kapernsauce mit einem Stückchen Brot austunkten, und ich beschloß nun, zum Angriff überzugehen.
"Na!" sagte ich also. Damit fange ich immer an, wenn ich etwas Gewichtiges zu sagen gedenke: "Hast du denn, wenn du zum Beispiel ins Theater gehst und den ,Othello' siehst, oder du hörst in der Philharmonie die Neunte Sinfonie von Beethoven, oder du stehst im Kaiser-Friedrich-Museum vor ,Jakobs Kampf mit dem Engel' von Rembrandt, oder du liest Goethes ,Füllest wieder Busch und Tal' ­ hast du dann nie eine innere Erhebung, fühlst du dich dann nie größer und freier und beglückt ­­"
"Hör bloß auf", unterbrach mich mein Bruder. "Du siehst, ich esse Königsberger Klops" (er fing aber schon mit dem Kompott an), "da kannst du nicht von mir verlangen, daß ich elegische Deklamationen anhören soll. Aber, damit du weißt, wie ich über die Kunst denke, will ich dir doch ein Zugeständnis machen. Ich sehe mir zwar im Theater nicht den ,Othello' an, sondern höchstens mal im Herrnfeld-Theater die ,Klabriaspartie'. Aber das gebe ich dir ohne weiteres zu, daß mich die Kunst immerhin mal amüsieren kann."
"Aber die ernsthafte Kunst!" rief ich.
"Natürlich. Warum nicht auch die ernsthafte Kunst? ­ Aber mehr als Amüsement kann ich der auch nicht abgewinnen. Und das ist ja auch gewiß etwas Gutes."
Ich schob den letzten Löffel Preißelbeeren in den Mund und sagte: "Aber amüsieren kannst du dich doch auch ohne Kunst."
"Allerdings", gab mein Bruder zu. "Es macht mir auch gar keinen Unterschied, ob ich die ,Klabriaspartie' vorgespielt kriege oder die Neunte Sinfonie oder ob ich vom Fenster aus zusehe, wie sich draußen zwei Hunde beißen. Das Vergnügen dabei ist nur graduell unterschieden. Es werden allenfalls verschiedene Muskeln davon tangiert."
"Du bist ein Barbar!" stöhnte ich.
"Möglich", meinte er gemütsruhig. "Das ändert aber gar nichts an der Tatsache, daß die bei Lues angewandte Serumtherapeutik ein kulturell unendlich wertvolleres Ereignis ist als alle Werke deiner berühmtesten Künstler zusammengenommen."
Ich fühlte: dagegen war nicht aufzukommen. Ich kippte daher nur noch schnell den Kaffee herunter, ließ mir von meinem Bruder eine Zigarre auf den Weg mitgeben, reichte meiner Schwägerin trübselig die Hand und schlug mich davon.
Unterwegs hielt ich Selbstgespräche, in denen ich energisch meinen Bruder apostrophierte. Wir wirken aber doch! erklärte ich ihm bei mir. Na ja ­ auf dich wirken wir nicht. Aber liegt das an uns? (Es war mir schon ganz geläufig geworden, mich mit Goethe und den übrigen als "wir" zu fühlen.) Ich behaupte, die Welt wäre öde, stumpfsinnig, roh, perfid ­ nein, noch öder, stumpfsinniger, roher und perfider als sie jetzt schon ist, gäbe es keine Kunst und keine Künstler. Hunderttausenden, Hundertmillionen geben wir Trost und Erhebung und Heilung und Hoffnung. Ist das gar nichts? Hä? ­ Und wenn du dabei nichts für dich herausholst, dann geht uns das so wenig an wie die Serumtherapie bei Lues. Schließlich ist ja auch noch nicht jeder Mensch luetisch.
Ich war froh, meinen Bruder dergestalt doch noch widerlegt zu haben. Dann wandte sich meine Betrachtung in innigem Behagen der Erinnerung an die Königsberger Klöpse zu, und meine Seele schwamm in Kapernsauce. Ausgesöhnt mit der Welt und zufrieden mit mir ging ich ins Kaffeehaus und dichtete meine Ballade "Meta und der Finkenschafter".
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Seenot



Der Kapitän, der Steuermann,
vom Deck die Offiziere
schaun sorgenvoll den Himmel an.
Ein rascher Blick fällt dann und wann
auch auf die Passagiere.

Das räkelt faul den Bauch an Bord,
schlemmt in der Luxusmesse,
das lacht und prahlt und flucht: Potz Mord!
und karessiert, Bankier wie Lord,
die blonde Stewardesse.

Das führt Devisen mit und bar,
gab Gold in erznen Urnen
den sich'ren Kojen in Verwahr-
und droht dem Dampfer Sturmgefahr,
dann mag die Mannschaft turnen.

Die Mannschaft turnt. In Rauch und Dreck
schleppt sie und keucht und schuftet
und riecht bei zähem Schiffsgebäck,
wie Bratenbrüh und Rahmgeschleck
aus der Kajüte duftet.

Die See geht hoch, scharf geht der Wind,
hart poltert die Maschine.
Die Hände regen sich geschwind
um Kessel, Reling und Gewind,
um Großtopp und Turbine.

Da tritt ein Bootsmann vor und spricht
gepreßt durch bleiche Lippen:
"Kap'tän, die Schotten schließen nicht.
Wenn achtern die Verschalung bricht,
ist's aus; dann hilft kein Schippen."

"Ach, Unsinn." Doch der Seemann knackt
nervös mit seinen Fingern.
Er hört des Motors falschen Takt,
er fühlt, wenn Flut die Planken packt,
den ganzen Kasten schlingern.

Schon lange klagt der Maschinist;
der Kessel will nicht heizen.
Das Schiff verzögert seine Frist,
und im Proviantraum nagt und frißt
die Feuchtigkeit am Weizen.

Der Steuermann zeigt ohne Wort
nach dem Gewölk im Norden.
Das letzte Himmelsblau glitt fort.
Wo eben Lichter spielten, dort
ist graue Nacht geworden.

Die grünen Wogen trommeln dumpf
und drohend ihre Weisen.
Im Zwischendeck, im Dampferrumpf
drängt sich's, mit Augen bang und stumpf.
Hier ist die Not auf Reisen.

Mittschiffs jedoch im Aufbausaal,
da sprühn des Reichtums Wunder,
Musik jauchzt toll zum Bacchanal,
Juwelen blitzen ohne Zahl
bei Austern und Burgunder.

Vor einer Flasche Haute-Sauterne,
im Mund die Zigarette,
am Ecktisch sitzen ein paar Herrn,
die Brust geschmückt mit Band und Stern,
die Uhr an goldner Kette.

Sie kümmert nicht der Damenflor,
das Flirten und Scharmieren.
Sie beugen ihre Glatzen vor
und flüstern in des Nachbars Ohr
von Aktien und Papieren.

"Hier noch ein Kognak extra fein!"
Die Stewards huschen schweigend
mit Mokka, Schnaps, Biskuit und Wein.
Da tritt der Kapitän herein,
sich links und rechts verneigend.

Man dankt dem Seemann frohgelaunt,
sieht ihn zum Ecktisch schreiten.
Ein dicker Herr steht auf. Man raunt.
Die andern sehn den Gast erstaunt
den Kapitän begleiten.

Der, wie dem Hauptmann der Soldat,
hebt an, Bericht zu geben:
"Gefahr droht, Herr Kommerzienrat.
Ich fürchte, schweres Wetter naht.
Es geht um Schiff und Leben!" ­

"Doch nicht die erste Klasse, wie?
Soll'n wir vielleicht ersaufen?" ­
"Das Schiff ist nach der Havarie
beim großen Sturm ­ ich warnte Sie ­
zu früh vom Dock gelaufen.

Zweitausend Menschen ­ und die Fracht;
wir haben schwer geladen.
Wenn man den Dampfer leichter macht,
wird er, so hoff ich, flottgebracht.
Sonst steh ich nicht für Schaden." ­

"Was sagt die Mannschaft?" ­ "Oh, die faßt
forsch zu an allen Bänken;
schimpft auch auf den Kajütengast
und will, ich soll als erste Last
Ihr Gold ins Meer versenken." ­

"Mein Gold?! Den Plan, verdammte Brut,
den mach ich euch zuschanden!
Bevor ein Ünzlein in die Flut
versinkt, fliegt alles Mannschaftsgut
erst über Bord! Verstanden?!" ­

"Sie spaßen!" ruft der Kapitän.
"Wir würden grenzenlosen,
furchtbaren Haß und Aufruhr sä'n.
Ich will nach andrer Rettung spähn ­
Hand weg von den Matrosen!

Es sind an Bord zehn Kisten Horn
und tausend Cheviotballen,
dann noch, im großen Kühlraum vorn,
dreihundert Tonnen Weizenkorn.
Das mag als Ballast fallen!"

Der Dicke schnaubt: "Sie können frei
als Kapitän ermessen.
Jedoch das ist an Land vorbei,
und ich bin Chef der Reederei ­
wolln Sie das nicht vergessen!

Mein ist das Horn und mein das Tuch,
mein das Getreidelager.
Geht von der Ladung was in Bruch,
versichert steht die Fracht zu Buch
bei meinem Freund und Schwager!"

Da kommt der Erste Offizier:
"Das Löschen muß beginnen.
Am Steven dringt das Wasser schier
in Strömen ein. Bald sehen wir
es in die Kojen rinnen." ­

"Gut. Über Bord-Befehl ist da! ­
die Koffer und die Fetzen
der Mannschaft ­ samt Harmonika
und Priem. Es wird den Schaden ja
die Reederei ersetzen. ­

Das ist ein Tropfen auf ein Faß.
Doch muß man es versuchen."
Der Offizier begibt sich blaß
zu seinen Leuten: dies und das ­
da hilft kein Drohn und Fluchen.

Das Schiffsvolk disputiert und läuft.
"Was? Unsre paar Klamotten!
Und hinten liegt das Gold gehäuft
in Urnen!" ­ Und das Wasser säuft
sich glucksend durch die Schotten.

"Die Bande lebt in Saus und Braus!
Wir streiken!" rufen Stimmen.
"Pumpt euch allein das Wasser raus!
Von uns aus könnt mit Ratz und Maus
ihr an das Festland schwimmen!"

Man legt das Werkzeug aus der Hand.
Ein Teil nur bleibt beim Schöpfen.
Ganz langsam steigt der Wasserrand.
Die Streiker sind aus Rand und Band
und schrein mit heißen Köpfen.

Der Kaufherr rennt zum Zwischendeck ­:
"Hört ihr den Lärm da oben?
Man meutert, und das Schiff ist leck!
Faßt ihr mit an zum guten Zweck ­
dann ist die Not behoben." ­

"Nothilfe! Vorwärts! Du und du!
Wir strafen die Gesellen!"
Und viele Hände greifen zu.
Des Schiffsvolks Hab und Gut im Nu
verschwindet in den Wellen.

Die Mannschaft starrt ihm nach. Parbleu!
Wut blitzt durch ihre Lider.
Der Kiel steigt etwas in die Höh.
Von Norden her pfeift eine Bö.
Das Wetter senkt sich wieder.

Und die Matrosen gehn zurück
ans Werk. Die Herzen bluten.
Die Koffer tragen, jedes Stück,
ein wenig Liebe, etwas Glück
hinunter in die Fluten.

Indes der Zweck ist nicht erreicht:
schon feuchten sich die Luken ­
Matrosenhabe wiegt zu leicht.
Der Kapitän sieht's, prüft, erbleicht.
Gefahrgespenster spuken.

Er klagt's dem Reeder. ­ "Ja", spricht der,
"da heißt's Entschlüsse fassen!
Zweitausend Menschen lasten schwer.
Die Boote klar, und raus ins Meer!
Die Streiker sind entlassen!

Was bleibt, wird praktisch eingeteilt
und schafft in Überstunden.
Sonst: Zwischendeckler angekeilt ­
dann ist der Schaden ausgeheilt.
Die Lösung ist gefunden." ­

"Wie, Herr Kommerzienrat? Nein, Nein!
Hier geht's um Menschenseelen!" ­
"Ich will's. Fracht ist und Dampfer mein!"
Da knickt der Mut des Seemanns ein ­:
"Sie haben zu befehlen."

Rasch geht's an Bord von Mund zu Mund;
ein Murren folgt, ein Tosen.
Man trotzt. Der Wucherer! Der Hund!
Nothelfer aber mühn sich ­ und:
behüt euch Gott, Matrosen!

Der Nord bläst lauter über See.
Im Saale blasen Flöten.
Da tanzt vergnügt die Hautevolee
­ Graf X und die Baronin C ­;
das weiß von keinen Nöten.

Und wieder hebt sich leicht der Kiel.
Das Wasser scheint zu weichen.
Doch immer noch trägt viel zu viel
das Schiff. Der Pumpen schweres Spiel
vermag's nicht auszugleichen.

Ach, auf die Hoffnung folgt der Sturz.
Das Leck klafft stündlich breiter,
und bei der Arbeit grollt's und murrt's:
"Die Müh zu schwer, die Kost zu kurz ­
wir können nicht mehr weiter!"

Des Meeres Fläche brodelt schon
wie Brei der Höllenküche,
und in des Sturms Trompetenton
mischt sich der Ausgesetzten Hohn,
ihr Schrei'n und ihre Flüche.

Der Kapitän, bedeckt mit Schweiß,
steht wieder vor dem Reeder:
"Herr, geben Sie die Ladung preis!
Und wär's ein Bruchteil nur, so weiß
es Ihnen Dank ein jeder.

Heb ich nicht schnell das Loch am Bug
bis übern Meeresspiegel,
dann ist's zu spät. ­ Herr, sei'n Sie klug!" ­
"Nein! Meiner Opfer sind's genug,
und darauf Brief und Siegel!

Daß unsereins stets opfern soll!
Man mißbraucht unsre Güte; ­
ist doch von Menschen übervoll
mit Sack und Pack ­ trotz hohem Zoll ­
die Zwischendeckskajüte.

Dort zugepackt mit Energie!
Ist's hart ­ auch ich hab Sorgen.
Das drückt aufs Schiff. Da räumen Sie.
Mein Gold und meine Ware ­ nie!
Berichten Sie mir morgen."

Kommandos schallen übers Schiff.
Was gibt's? Wer kann es fassen?
Hier tönt ein Ruf und dort ein Pfiff.
Vom Zuring löst des Bootsmanns Griff
die Kutter und Pinassen.

Derweilen rennt's im Zwischendeck
und drängt's in den Kabinen.
Der Frauen Haar ist wirr vor Schreck.
Manch Auge starrt auf einen Fleck
aus wutverzerrten Mienen.

"Uns schifft man aus wie tote Last.
Wir haben sie gerettet.
Das schwelgt in Wollust, hurt und praßt.
Zum Kampf, wer seine Mörder haßt!
So wurde nicht gewettet!"

Die Männer baun sich stieren Blicks
vor Weib und Kind als Schanze. ­
Im Festsaal wippt mit Kuß und Knicks
Baronin C und Graf von X.
Musik spielt auf zum Tanze. ­

Der Kapitän, in jeder Hand
den Browning, ernst entschlossen,
tritt vor: "Wer leistet Widerstand!
Ich bin hier Herr. Mein Wort zum Pfand:
Wer meutert, wird erschossen!"

Die Schiffsbesatzung ist zum Streit
im Halbkreis aufgezogen,
Pistolen, Äxte sind bereit.
Ein Weib schluchzt auf. Ein Säugling schreit.
Der Sturm zieht durch die Wogen.

Da stürzen Männer vor: "Du Schuft! ­
Auf, mit vereintem Mute!"
Getümmel. Schüsse, Rauch verpufft.
Ein Schwergetroffner ringt nach Luft.
Fünf wälzen sich im Blute.

Noch einmal Lärm und Fußgestampf
und Knallen der Pistolen.
Vorbei ­ besiegt. Aus ist der Kampf.
Fern, schauerlich dringt durch den Dampf
vom Meer her heis'res Johlen.

Man führt sie, Weib und Kind voran,
zum Bootsdeck in die Kutter.
Dann senkt sie rasch der Davitskran
hinab zum grünen Ozean.
Die Kleinen wimmern: "Mutter!"

Die Armut drückt nicht mehr. ­ Nun geigt
und hüpft die Lust der Prasser.
Und sieh, der Schiffsrumpf hebt sich, steigt,
und wo am Bug das Leck sich zeigt,
fließt endlich ab das Wasser.

Der Reeder lacht: "Das Glück war hold.
Der Alpdruck ist verschwunden.
Die Drohnen drückten ­ nicht mein Gold.
Drum lange Arbeit, wenig Sold.
Dann wird das Schiff gesunden."

Nun hämmert's, hastet's, werkelt, rennt
und pflastert Loch und Schaden,
bis Schläfe, Herz und Auge brennt.
Sturmwolken ziehn am Firmament
vorbei in gelben Schwaden.

Das Meer bäumt brüllend sich empor,
schlägt hoch aufs Deck die Wellen.
Doch durch der Wetter schrillen Chor
klingt grell der Rachefluch hervor
der Armen und Rebellen.

Und die Besatzung plagt sich, schwitzt ­
kein Schlaf und Hungerzahlung.
Der Sturm posaunt. Der Himmel blitzt.
Die Schotten geben nach, es spritzt
die Flut durch die Verschalung.

Mann und Maschine seufzt und keucht.
Schon stöhnt's: "Wir können nimmer."
Beim Heizraum, finster, dumpf und feucht,
im Kerker wird der Schlaf verscheucht
dem Kuli wie dem Trimmer ...

So treibt das Schiff auf trunkner See,
umtobt von Sturm und Hasse.
Graf X führt die Baronin C
­ die fürchten nichts ­ im Neglige
zur Koje I. Klasse ­­­.

Der Dampfer "Deutschland" ist in Not.
Wird ihn die Flut vernichten?
Sprengt ihn sein morscher Kessel tot?
Stürmt ihn die Wut des Volks im Boot? ­
Die Zeitung wird's berichten.
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