Leseempfehlung

Miljenko Jergović
„Ruth Tannenbaum“

Miljenko Jergovićs Roman Ruth Tannenbaum ist weit mehr als die Geschichte eines jüdischen Kinderstars in Zagreb. Der Roman verbindet Familiengeschichte, Gesellschaftspanorama und politische Eskalation zu einem eindringlichen Bild davon, wie Faschismus in den Alltag einsickert, lange bevor er als offener Terror sichtbar wird. Gerade dadurch wirkt das Buch bis in die Gegenwart hinein aktuell: Es zeigt, wie Angst, Opportunismus, Anpassung und das Schweigen der scheinbar „Unpolitischen“ eine Gesellschaft für Gewalt vorbereiten können.

Inhalt und historischer Kontext

Im Zentrum des Romans steht Ruth Tannenbaum, ein jüdisches Mädchen aus Zagreb, das als Kinderstar berühmt wird und als „kroatische Shirley Temple“ gefeiert wird. Der Roman erzählt jedoch nicht nur ihre Karriere, sondern entfaltet eine breite Familiensaga der Tannenbaums und Singers vor dem Hintergrund des politischen Zerfalls der Habsburger Ordnung, der Gründung Jugoslawiens und der Radikalisierung Kroatiens bis 1941.

Mit der deutschen Besatzung und der Machtübernahme der Ustascha1 kippt das gesellschaftliche Klima endgültig in offenen Terror, antisemitische Verfolgung und Gewalt. Ruths Ruhm schützt sie nicht; vielmehr zeigt ihr Aufstieg, wie trügerisch gesellschaftliche Anerkennung ist, wenn dieselbe Gesellschaft wenig später Minderheiten entrechtet und vernichtet.

Miljenko Jergović wurde 1966 in Sarajevo geboren und lebt seit seiner Flucht aus dem belagerten Sarajevo im Jahr 1993 in Zagreb. In der Literaturkritik gilt er als wichtiger südosteuropäischer Erzähler, dessen Werke historische Umbrüche, Mehrfachidentitäten und die Konfliktgeschichte des Balkans literarisch verdichten. Ruth Tannenbaum erschien im Original 2006 und wurde 2019 in deutscher Übersetzung von Brigitte Döbert bei Schöffling & Co. veröffentlicht .

Faschismus als schleichender Prozess

Der Roman zeigt Faschismus nicht zuerst als fertiges Regime, sondern als Prozess. Einschüchterung, Ressentiments, Nachbarschaftshass, opportunistische Anpassung und die Bereitschaft, Schwächere auszugrenzen, vergiften Schritt für Schritt das soziale Klima, bis politische Gewalt zur Normalität wird. Gerade diese schleichende Entwicklung macht den Roman für heutige Leserinnen und Leser bedeutsam, weil er erkennen lässt, dass autoritäre Systeme nicht aus dem Nichts entstehen, sondern aus bereits vorhandenen Ängsten und Feindbildern wachsen.

Für die Gegenwart liegt darin eine klare Warnung: Wo Menschen sich an abwertende Sprache, Entmenschlichung und Ausgrenzung gewöhnen, wird der Boden für weitere Radikalisierung bereitet. Das Buch ist deshalb nicht nur ein historischer Roman, sondern auch eine Reflexion über politische Verwahrlosung und gesellschaftliche Mitverantwortung.

Weltgeschichte als Alltagsgeschichte

Eine besondere Stärke des Romans liegt darin, dass Jergović Weltgeschichte als Alltagsgeschichte erzählt. Politik erscheint nicht nur in Regierungswechseln oder historischen Daten, sondern in Wohnungen, Theatern, Nachbarschaften, Familiengesprächen und kleinen Demütigungen des täglichen Lebens. Gerade dadurch wird sichtbar, wie politische Ideologien im Privaten wirksam werden. Der Roman macht verständlich, dass Faschismus nicht nur von Parteiführern und Milizen getragen wird, sondern auch von gewöhnlichen Menschen, die sich anpassen, schweigen oder Vorteile suchen.

Ruth verleugnet im Verlauf des Romans ihre jüdische Identität und nimmt sogar einen weniger jüdisch klingenden Namen an, um im nationalsozialistisch geprägten Umfeld akzeptiert zu werden. Diese Selbstverleugnung ist nicht nur persönliches Versagen, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Drucks, der Zugehörigkeit nur um den Preis der Anpassung gewährt.

Auch andere Figuren zeigen, wie tief Angst und Minderwertigkeitsgefühle reichen. Ruths Vater Salomon distanziert sich bei jeder Gelegenheit von anderen Juden, weil er vor allem fürchtet, selbst als Jude wahrgenommen zu werden. Der Roman beschreibt damit eindringlich, wie Diskriminierung nicht nur von außen wirkt, sondern auch in die Selbstwahrnehmung der Betroffenen eindringt.

Das „Angstpanorama“ einer Gesellschaft

Deutschlandfunk Kultur beschreibt Ruth Tannenbaum als „Angstpanorama“ des Kroatiens zwischen 1920 und 1943. Angst bleibt im Roman nicht bloß ein privates Gefühl, sondern verwandelt sich in Aggression, Misstrauen und Gewalt gegen Minderheiten wie Juden und Serben. Auch heute ist diese Beobachtung relevant: Gesellschaftliche Angst kann politisch mobilisiert und in Feindbilder übersetzt werden. Der Roman sensibilisiert dafür, wie schnell Unsicherheit in Härte gegen andere umschlagen kann, wenn demokratische Gegenkräfte schwach bleiben.

Ein zentrales Motiv des Romans ist, dass Gewalt lange vor dem offenen Mord in Sprache und Alltag beginnt. Abwertungen, Vorurteile, religiöse Feindbilder und zynische Bemerkungen erscheinen zunächst harmlos, bilden aber das Klima, in dem spätere Verfolgung möglich wird. Gerade diese scheinbar kleinen Formen des Hasses sind politisch wirksam, auch wenn ihre Urheber sich als „unpolitisch“ verstehen.

Viele Figuren in Ruth Tannenbaum möchten vor allem in Ruhe gelassen werden, Karriere machen oder innerhalb des Privaten überleben. Dieser Rückzug aus politischer Verantwortung schafft jedoch Räume, in denen die Gewalttäter und Fanatiker den öffentlichen Raum besetzen können. Die Einsicht des Romans ist deshalb unbequem: Wer sich aus Politik heraushält, ist nicht automatisch neutral. In einer eskalierenden Gesellschaft stärkt Passivität oft gerade die Kräfte, die am lautesten und brutalsten auftreten.

Besonders beklemmend ist, wie der Roman schrittweise zeigt, dass Menschen sich an Ausgrenzung und Brutalität gewöhnen. Was zunächst als Ausnahme erscheint, wird zum Alltag, und was anfangs empört, wird später achselzuckend hingenommen. Diese Normalisierung ist ein Kernmechanismus politischer Gewalt. Jergović zeigt, dass Verbrechen nicht erst dann beginnen, wenn Lager und Deportationen existieren, sondern schon dann, wenn eine Gesellschaft Entwürdigung für gewöhnlich hält.

Ein deutsches Echo: Erich Mühsam und der Kampf gegen den Faschismus

Während Jergović in seinem Roman den schleichenden Verfall einer südosteuropäischen Gesellschaft beschreibt, vollzog sich gleichzeitig in Deutschland ein paralleles Drama – und es gab Menschen, die diesem Verfall mit aller Kraft entgegentraten. Einer der eindringlichsten und unerschrockensten unter ihnen war Erich Mühsam (1878–1934).

Mühsam war Schriftsteller, Anarchist, Publizist und politischer Aktivist – und damit in Deutschland jener Epoche eine seltene Erscheinung: ein Intellektueller, der nicht nur warnte, sondern handelte. Als jüdischer Bohemien, der in München-Schwabing lebte und die Münchener Räterepublik von 1918/19 maßgeblich mitgestaltete, kannte er den Hass der Rechten aus nächster Nähe. Nach fünf Jahren Festungshaft, aus der er 1924 auf Bewährung amnestiert wurde, ließ er sich in Berlin nieder – und nahm seinen Kampf gegen das Erstarken des Faschismus mit unverminderter Energie wieder auf.

Als Herausgeber der anarchistischen Zeitschrift Fanal (1926–1931) schuf Mühsam eines der wichtigsten publizistischen Organe der antifaschistischen Linken in der Weimarer Republik. In Fanal sowie auf Vortragsreisen durch ganz Deutschland warnte er früh und nachdrücklich vor dem Aufstieg der NSDAP. Zuvor hatte er bereits bei der anarchistischen Zeitschrift Der arme Teufel (ab 1902), die Zeitschrift Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit (ab 1911) herausgegeben und sich in der Zeitschrift Die Aktion einen Namen gemacht.

Er lebte seine Überzeugungen. In der Roten Hilfe setzte er sich für die Freilassung politischer Gefangener ein, bemühte sich um die Einigung aller linken Kräfte gegen den heraufkommenden Faschismus.

In der Nacht des Reichstagsbrandes, am 28. Februar 1933, wurde Mühsam von der SA verhaftet. Er durchlief mehrere Gefängnisse und Konzentrationslager, wurde schwer gefoltert und am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von SS-Angehörigen ermordet. Die faschistische Presse meldete seinen Tod als „Selbstmord“ – eine Lüge, die niemanden täuschte, der ihn kannte.

Die Parallele zu Jergovićs Roman ist erschreckend direkt: Was Ruth Tannenbaum für Kroatien literarisch beschreibt – die Normalisierung des Hasses, das Verstummen der Anständigen, die Verharmlosung früher Warnsignale –, das hat Erich Mühsam in Deutschland mit seinem eigenen Leben bezeugt und bezahlt. Er war einer jener wenigen, die sich nicht anpassten, nicht schwiegen, nicht in die Privatheit zurückzogen. Und er wurde dafür ermordet.

Sein Vermächtnis, das die 1989 in Lübeck gegründete Erich-Mühsam-Gesellschaft bis heute pflegt, ist auch ein Maßstab für die Gegenwart: Ob man Faschismus als Prozess erkennt und benennt – bevor er sich als Regime manifestiert –, das ist die Frage, die Jergović und Mühsam gemeinsam stellen, aus unterschiedlichen Sprachen, Ländern und Genres.

Ein Roman für heute

Die wichtigste Botschaft des Romans für die Gegenwart lautet: Demokratien werden nicht nur durch überzeugte Extremisten gefährdet, sondern auch durch Bequemlichkeit, Verdrängung und moralische Gleichgültigkeit. Wer menschenverachtende Sprache hinnimmt, politische Aggression als „normal“ abtut oder sich mit dem Hinweis auf private Interessen aus der Verantwortung zieht, trägt dazu bei, dass autoritäre Dynamiken wachsen können.

Gerade deshalb ist Ruth Tannenbaum ein wichtiger Roman für heute. Er erinnert daran, dass Gewalt nicht plötzlich entsteht, sondern in Nachbarschaften, Familien, kulturellen Milieus und alltäglichen Entscheidungen vorbereitet wird. Als Roman überzeugt er vor allem durch seine erzählerische Kraft und seine historische Tiefenschärfe. Jergović erzählt nicht in einfachen moralischen Gegensätzen, sondern zeigt eine Gesellschaft, in der fast niemand unschuldig, niemand ganz heldenhaft und kaum jemand wirklich außerhalb der Geschichte steht. Festzuhalten ist: Ruth Tannenbaum ist ein literarisch dichter, politisch enorm kluger und erschreckend aktueller Roman über Angst, Anpassung und die Gefährdung des Menschlichen im Alltag.

Holger Meischner

Quellen: Wikipedia – Erich Mühsam (de.wikipedia.org/wiki/Erich_Mühsam) · Deutsches Historisches Museum LeMO (dhm.de/lemo/biografie/erich-muehsam) · WDR Zeitzeichen (wdr.de) · Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck (erich-muehsam.de) · KünstlerKolonie Berlin (kueko-berlin.de)

1 Die Ustascha war ein im Jahr 1930 gegründeter ultranationalistisch-terroristischer Geheimbund, der für ein von Jugoslawien unabhängiges Großkroatien kämpfte und sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelte. Die Ustascha errichtete in dem von 1941 bis 1945 bestehenden Unabhängigen Staat Kroatien, der sich de jure im Wesentlichen auf das Gebiet des heutigen Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina erstreckte, eine totalitäre Diktatur, die für den Völkermord an Serben, Juden und Roma sowie die Ermordung zahlreicher politischer Oppositioneller und Regimegegner verantwortlich war. (Quelle: Wikipedia)